Arbeitsschutz: 130 Millionen Europäer unter extremem Hitzestress
28.06.2026 - 20:31:46 | boerse-global.de
Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) hat den zweiten Teil ihres Handbuchs zur Gefährdungsbeurteilung veröffentlicht. Diesmal geht es um thermische Gefährdungen am Arbeitsplatz – und das pünktlich zur aktuellen Hitzewelle.
Der Deutsche Wetterdienst (DWD) meldete mit 41,7 Grad Celsius in Neißemünde (Brandenburg) einen neuen Temperaturrekord für Deutschland. Es ist der dritte Rekordtag in Folge: Am 26. Juni wurden in Saarbrücken 41,3 Grad gemessen, am 27. Juni in Drewitz 41,5 Grad.
Präzise Grenzwerte für den Arbeitsschutz
Das neue Handbuch liefert detaillierte Verbrennungsschwellen für verschiedene Materialien. Die Norm DIN EN ISO 13732-1 legt fest: Bei unbeschichteten Metallen liegt die Grenze bei einer Kontaktzeit von einer Minute bei 51 Grad Celsius. Bei dauerhafter Exposition von acht Stunden sinkt dieser Wert auf 43 Grad Celsius.
Die Relevanz dieser Vorgaben zeigen aktuelle Zahlen der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV): Für 2023 meldete der Verband zwölf neue Arbeitsunfallrenten wegen Verbrennungen. Experten fordern angesichts steigender Temperaturen eine verpflichtende Hitzerisikobewertung. Diese soll neben der Temperatur auch Luftfeuchtigkeit und Windgeschwindigkeit berücksichtigen.
Millionen Beschäftigte unter Hitzestress
Ein Bericht des Europäischen Gewerkschaftsinstituts (ETUI) vom 26. Juni verdeutlicht das Ausmaß des Problems. Rund 130 Millionen Beschäftigte in Europa sind Hitzestress ausgesetzt. Jährlich führt das zu etwa 277.000 Verletzungen und 230 Todesfällen.
Laut Prognosen der europäischen Agentur für Sicherheit und Gesundheitsschutz (EU-OSHA) arbeitet bereits jeder fünfte Beschäftigte unter extremer Hitze. Die wirtschaftlichen Folgen sind enorm: Eine Studie von Prognos beziffert die Kosten jedes einzelnen Hitzetags auf rund 431 Millionen Euro.
Die optimale Arbeitstemperatur liegt bei 16 Grad Celsius, so das ETUI. Mit jedem weiteren Grad sinkt die Produktivität um zwei Prozent. In Mitteleuropa beträgt der produktive Verlust durch Hitze 8 bis 14 Prozent, in Südeuropa sogar 20 bis 25 Prozent.
Angesichts steigender Temperaturen und neuer Vorschriften stehen Arbeitgeber vor der Pflicht, Gefährdungsbeurteilungen rechtssicher zu dokumentieren. Dieser kostenlose Report liefert bewährte Hilfsmittel, die in der Praxis und vor Behörden standhalten. Warum erfahrene Sifas bei der Gefährdungsbeurteilung auf diese Vorlagen schwören
Pflegeheime ohne Klimaanlagen
Besonders kritisch ist die Lage in Pflegeberufen. Die Pflegekammer Nordrhein-Westfalen warnt: Viele Heime besitzen keine Klimaanlagen, Zimmertemperaturen von fast 30 Grad Celsius sind keine Seltenheit. In Thüringen setzen Einrichtungen auf strategisches Lüften, zusätzliche Pausen und spezielle Trinkangebote.
Der Hausärzteverband kritisierte am 27. Juni ein Versagen der Bundesregierung beim Hitzeschutz. Er fordert die Umsetzung eines bereits vor drei Jahren angekündigten Maßnahmenpakets sowie vergütete Hitzeschutzberatungen in Praxen.
Auch der Handel kämpft mit der Hitze. In Wien wurde am 26. Juni eine Bäckereifiliale beim Arbeitsinspektorat angezeigt. Dort hatten Mitarbeiter bei defekter Klimaanlage mit Temperaturen von bis zu 38 Grad Celsius hinter der Verkaufstheke gearbeitet.
Hilfe für Unternehmen
Die Berufsgenossenschaft Holz und Metall (BGHM) bietet am 1. Juli in Saarbrücken ein Grundlagenseminar für Unternehmer mit bis zu 50 Beschäftigten an. Themen sind das Arbeitssicherheitsgesetz und die Erstellung rechtssicherer Gefährdungsbeurteilungen.
Eine rechtssichere Gefährdungsbeurteilung ist die Basis für den Schutz Ihrer Mitarbeiter vor thermischen Gefährdungen und anderen Risiken. Kostenlose Vorlagen und Checklisten helfen Sifas und Arbeitgebern, Zeit zu sparen und rechtliche Risiken zu vermeiden. Gefährdungsbeurteilung: So erstellen Sie GBUs, die Aufsichtsbehörden sofort anerkennen
Das Umweltbundesamt warnt unterdessen vor einer langfristigen Verschiebung der Klimazonen. Das Klima in Frankfurt am Main entspricht bereits heute dem früherer Jahre in Lyon. Bis zum Ende des Jahrhunderts könnte es sich Richtung kroatischer Verhältnisse entwickeln.
Der „Atlas der Klimaextreme“ des Alfred-Wegener-Instituts belegt: Das Saarland verzeichnet mit einem Anstieg von 2,1 Grad Celsius seit 1881 den stärksten Temperaturzuwachs in Deutschland.
