Kündigungsschutz: VW plant 100.000 Stellenabbau – IG Metall protestiert
Veröffentlicht: 07.07.2026 um 20:46 Uhr, Redaktion boerse-global.de
Aktuelle Urteile und milliardenschwere Stellenstreichungen bei VW und Microsoft zeigen: Unternehmen müssen bei Sozialauswahl und Formalitäten höllisch aufpassen.
Die größte Fehlerquelle: Die Sozialauswahl
Ein Fachanwalt für Arbeitsrecht der Dornbach Kanzlei warnt: Viele betriebsbedingte Kündigungen scheitern an einer fehlerhaften Sozialauswahl. Die Verfahren enden dann meist mit Vergleichen und Abfindungen. Denn die rechtlichen Hürden für die Auswahlkriterien sind hoch.
Während bei Einzelkündigungen oft verhaltensbedingte Gründe wie Spesenunregelmäßigkeiten reichen, müssen bei Massenentlassungen strenge soziale Kriterien gelten. Die Bundesregierung plant zwar eine Lockerung des Kündigungsschutzes für Hochverdiener ab knapp 15.000 Euro Monatsgehalt. Branchenexperten halten den praktischen Nutzen aber für gering.
EuGH und Frankreich: Klare Zuständigkeiten gefordert
Auch die europäischen Gerichte präzisieren die Spielregeln. Die französische Cour de cassation entschied Anfang Juli 2026: Streitigkeiten über die tatsächliche Streichung von Arbeitsplätzen und die Kriterien für die Entlassungsreihenfolge fallen in die Zuständigkeit des Conseil de prud'hommes. Das Urteil unterstreicht die Rolle spezialisierter Arbeitsgerichte.
Zudem konkretisierte der Europäische Gerichtshof die Pflichten von Arbeitgebern. Resturlaub verfällt nach einer Kündigung nicht automatisch. Arbeitgeber müssen ihre Mitarbeiter explizit auf den drohenden Verfall hinweisen. Die Urlaubsabgeltung wird auf Basis des Durchschnittsverdienstes der letzten 13 Wochen berechnet und ist steuerpflichtig.
VW plant 100.000 Stellenabbau – IG Metall ruft zu Protesten
Wer bei Massenentlassungen wie VW die Sozialauswahl falsch trifft oder Resturlaub nicht korrekt abgeltet, riskiert teure Vergleiche und Klagen. Dieser Leitfaden zeigt die drei häufigsten Fehlerquellen und gibt konkrete Checklisten für die Praxis. HR-Leitfaden Kündigungsschutz 2026 anfordern
Vor diesem rechtlichen Hintergrund eskalieren die Konflikte bei den großen Konzernen. Volkswagen plant den Abbau von bis zu 100.000 Stellen weltweit. Allein in Deutschland könnten bis 2030 rund 50.000 Arbeitsplätze wegfallen. Betroffen sind die Standorte Hannover, Zwickau, Emden und Neckarsulm.
Die IG Metall hat für den 9. Juli, den Tag der nächsten Aufsichtsratssitzung, zu bundesweiten Protesten aufgerufen. Bisher wurden bereits 37.000 Aufhebungsvereinbarungen unterzeichnet.
Microsoft streicht weiter – Xbox-Sparte besonders betroffen
Parallel dazu setzt Microsoft seinen Sparkurs fort. Anfang Juli entließ der Konzern zu Beginn des neuen Geschäftsjahres weitere 4.800 Mitarbeiter – rund 2,1 Prozent der Belegschaft. Ein Schwerpunkt liegt im kommerziellen Bereich sowie in der Xbox-Sparte. Allein am 6. Juli fielen dort 1.600 Stellen weg. Insgesamt plant Microsoft in diesem Bereich eine Personalreduzierung um 20 Prozent.
AGG-Klage gescheitert: Kein Anspruch auf Einladung
Die IG Metall protestiert gegen den VW-Stellenabbau – und Betriebsräte prüfen jede Kündigung auf Formfehler. Unternehmen, die jetzt nicht ihre Massenentlassungs-Prozesse auf den Prüfstand stellen, laufen Gefahr, dass Kündigungen unwirksam werden. Ein aktueller Leitfaden fasst die wichtigsten Fristen und Formalitäten zusammen. Massenentlassungs-Checkliste jetzt sichern
Neben den Entlassungen beschäftigen auch die Einstellungsprozesse die Gerichte. Das Arbeitsgericht Koblenz wies im Frühjahr die Klage eines schwerbehinderten Bewerbers ab. Er hatte eine Entschädigung nach dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz gefordert. Da die Stelle nur vorsorglich ausgeschrieben wurde und kein Auswahlverfahren stattfand, sah das Gericht keine Diskriminierung. Private Arbeitgeber müssen schwerbehinderte Bewerber nicht zu einem Gespräch einladen, wenn die Stelle insgesamt nicht besetzt wird.
Die zunehmende Komplexität der Verfahren treibt auch neue Organisationsformen der Arbeitnehmer an. Das Team von Wizards of the Coast stimmte Ende Juni mit 80 Prozent für die Gründung einer Gewerkschaft. Die Forderungen: Schutz vor Entlassungen und Regulierung von künstlicher Intelligenz am Arbeitsplatz.
