Emotionales, Essen

Emotionales Essen: Bis zu 44 Prozent essen aus Gefühlen statt Hunger

Veröffentlicht am: 24.10.2026 um 07:13 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Stress, Belohnungsreize und verarbeitete Lebensmittel fördern emotionales Essen; Achtsamkeit und ausgewogene Kost können gegensteuern.
Ein leeres Keramikschale auf einem hölzernen Küchentisch in hellem, natürlichem Tageslicht. Illustration mit AI erstellt.

In der Wissenschaft gewinnt die Frage, warum Menschen nicht aus physischem Hunger, sondern aus emotionalen Impulsen heraus essen, zunehmend an Bedeutung.

Die Psychologin Ann-Kathrin Arend vom Labor für Essverhalten der Universität Salzburg erläuterte im ORF-Ö1-Podcast „Dimensionen“, wie sich individuelle Essstile unterscheiden und auf welche Weise es gelingen kann, die Nahrungsaufnahme wieder stärker an Körpersignalen statt an aufkommenden Gefühlen auszurichten.

Die Aufzeichnung entstand im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Ö1 Dimensionen on Tour“ an österreichischen Universitäten unter der Moderation von Katharina Gruber. Das Phänomen des emotionalen Essens betrifft weite Teile der Bevölkerung und stellt eine wesentliche Hürde bei der Gewichtskontrolle dar.

Dysfunktionale Bewältigung und neurobiologische Auslöser

Medizinisch betrachtet gilt emotionales Essen nicht als eigenständige Essstörung, sondern wird als dysfunktionale Bewältigungsstrategie eingestuft. Dennoch kann dieses Verhalten Übergänge zu manifesten Krankheitsbildern wie Binge Eating oder Bulimie begünstigen.

Für die Erfassung existiert kein Diagnoseinstrument im Klassifikationssystem ICD-11; in der Praxis dient unter anderem die Emotional Eating Scale als Hilfsmittel. Laut einer Metaanalyse aus Singapur liegt die Verbreitung von emotionalem Essen bei 20 bis 44 Prozent der Bevölkerung.

Auf physiologischer Ebene wird das Verhalten durch Botenstoffe im Gehirn verstärkt. Hochkalorische, zucker- und fettreiche Nahrungsmittel aktivieren das mesolimbische Dopaminsystem und führen kurzfristig zur Ausschüttung von Serotonin und Endorphinen.

Auch Franziska Nagel erläuterte im Podcast „Körperliebe Talk“ den Einfluss von Neurotransmittern auf Stimmung und Essverhalten: Bei Stress oder Erschöpfung greifen Betroffene häufig zu Nahrungsmitteln, um kurzfristige Entspannung herbeizuführen.

Anzeige

Wer sich mit den Auswirkungen von Ernährung auf das Wohlbefinden befasst, sollte auch die Rolle verborgener körperlicher Prozesse kennen. Dieser kostenlose Selbsttest verrät, ob Ihr Körper heimlich unter Entzündungen leidet – und was Sie gezielt dagegen tun können. 12 natürliche Entzündungs-Killer jetzt entdecken

Zudem belegen Übersichtsarbeiten mit über 21.000 Teilnehmenden, dass etwa 45 Prozent der Menschen mit Übergewicht oder Adipositas emotionales Essverhalten zeigen, wobei Stress das Hormon Cortisol steigert und Appetit- sowie Belohnungssignale verändert.

Industrielle Rezepturen und physiologische Reize

Verstärkt wird der Drang zur Nahrungsaufnahme durch moderne Lebensmittelverarbeitung. Wie im „JENKE. Report“ von ProSieben thematisiert wurde, nutzt die Industrie gezielt den sogenannten Bliss Point. Dieses Verhältnis aus Fett, Kohlenhydraten und Salz, dessen Erforschung Mitte der 1970er-Jahre in den USA auf den Psychologen Howard Moskowitz zurückgeht, spricht das Belohnungssystem intensiv an.

In einer Studie des National Institutes of Health (NIH) mit 20 Freiwilligen nahmen Teilnehmende während einer Phase mit hochverarbeiteter Nahrung täglich rund 500 Kalorien mehr zu sich, was zu einer Zunahme an Gewicht und Körperfett führte, während wenig verarbeitete Kost eine Abnahme bewirkte.

Ultrahochverarbeitete Produkte machen in westlichen Ernährungsformen oft über 30 Prozent der Energiezufuhr aus; die hohe Energiedichte überlagert Sättigungssignale von Hormonen wie GLP-1, Insulin und Leptin.

Zusätzlich beeinflussen biologische Rhythmen und Blutzuckerschwankungen das Verlangen nach Nahrung. Daniela Krehl von der Verbraucherzentrale Bayern weist darauf hin, dass Weißmehlprodukte den Blutzuckerspiegel rasant ansteigen lassen und somit Heißhunger sowie Übergewicht begünstigen können.

Anzeige

Oft bleiben die genauen Ursachen für Heißhunger und Erschöpfung im Verborgenen, da viele Menschen ihre inneren Werte nicht richtig zu deuten wissen. In diesem kostenlosen PDF-Report erklärt ein Experte verständlich, welche Werte wirklich wichtig sind und welche oft überbewertet werden. Kostenlosen Laborwerte-Selbstcheck sichern

Im Herbst sinkt zudem bedingt durch weniger Tageslicht der Serotoninspiegel, während Melatonin früher ansteigt; schnell verfügbare Kohlenhydrate erhöhen das Insulin, wodurch mehr Tryptophan ins Gehirn gelangt und die Serotoninsynthese kurzfristig angeregt wird. Ein steiler Blutzuckerabfall führt jedoch zu erneutem Verlangen.

Strategien zur Verhaltensänderung und biologische Faktoren

Experten raten bei der Ernährungsumstellung zu komplexen Kohlenhydraten wie Haferflocken, Kürbis, Linsen oder Süßkartoffeln kombiniert mit Eiweiß und Ballaststoffen, um Blutzuckerspitzen zu vermeiden und das Sättigungsgefühl zu stärken.

Der Psychologe Rafael Santandreu, der dem Thema in seinem Buch „No hagas montañas de granos de arena“ Raum widmet, warnt vor emotionalem Essen. Der Genuss dauere lediglich ein bis zwei Minuten an, während die zugrundeliegende Problematik bestehen bleibe; großer Konsum von Süßwaren führe letztlich nur zu weiteren Belastungen.

Zur Reduktion emotionaler Essmuster bieten sich achtsamkeitsbasierte Ansätze an. Wissenschaftliche Untersuchungen, unter anderem von Kristeller und Wolever aus dem Jahr 2011, belegen die Wirksamkeit von Achtsamkeitsinterventionen. Parallel dazu untersucht die Grundlagenforschung biologische Stellschrauben.

Eine im Jahr 2025 im Fachblatt Nature publizierte Untersuchung ergab, dass das Darmbakterium Bacteroides vulgatus Pantothenat (Vitamin B5) produziert, welches über den FFAR4-Rezeptor regulierend auf den Blutzucker wirkt und das Verlangen nach Zucker dämpfen kann.

Während Diabetes-Mäuse in Versuchen nach Gaben von Pantothenat weniger Lust auf Zucker zeigten, besteht laut den Autoren weiterer Forschungsbedarf; für vermutete Zusammenhänge zwischen Heißhunger und Mängeln an Magnesium oder Zink fehlt bislang ein wissenschaftlicher Nachweis.

Mehr zum Thema bei NDR: „Emotionales Essen: Hunger bei Gefühlen wie Stress, Wut, Einsamkeit“

Disclaimer...
de | wissenschaft | 70402398 |