Justiz, KriminalitÀt

ZentralratsprÀsident fordert Ausweisung antisemitischer TÀter

16.05.2026 - 05:00:00 | dts-nachrichtenagentur.de

Josef Schuster, PrĂ€sident des Zentralrats der Juden in Deutschland, spricht sich fĂŒr eine mögliche Ausweisung auslĂ€ndischer TĂ€ter antisemitischer Gewalt aus.Mit Blick auf antisemitische Straftaten sagte Schuster der "Welt am Sonntag", wenn es um Taten gehe, die Leib und Leben gefĂ€hrdeten, halte er es fĂŒr legitim, solche Maßnahmen zu prĂŒfen und gegebenenfalls auch anzuwenden.

Josef Schuster (Archiv) - Foto: via dts Nachrichtenagentur
Josef Schuster (Archiv) - Foto: via dts Nachrichtenagentur
Der Staat mĂŒsse in der Lage sein, seine BĂŒrger zu schĂŒtzen. Zugleich plĂ€dierte Schuster fĂŒr eine VerschĂ€rfung des Strafrechts bei israelfeindlichen Delikten. Auf die Frage, ob etwa die Leugnung des Existenzrechts Israels strafrechtlich schĂ€rfer verfolgt werden mĂŒsse, sagte er, er halte entsprechende VerschĂ€rfungen fĂŒr sinnvoll.

Kritisch Ă€ußerte er sich ĂŒber eine aus seiner Sicht zu große Nachsicht gegenĂŒber TĂ€tern. Das VerstĂ€ndnis fĂŒr die TĂ€terperspektive sei bisweilen grĂ¶ĂŸer als fĂŒr die Opfer, sagte Schuster. BewĂ€hrungsstrafen dĂŒrften nicht den Eindruck erwecken, man gehe als freier Mensch ohne Konsequenzen aus dem Gerichtssaal.

Im Interview Ă€ußerte sich Schuster auch zu den Ursachen des Antisemitismus. Auf die Frage, ob er sich mit seiner Warnung von 2015 bestĂ€tigt fĂŒhle, die Masseneinwanderung syrischer FlĂŒchtlinge könne den Antisemitismus verstĂ€rken, antwortete er mit einem "Jein". Die Entwicklung sei komplexer verlaufen, als er sie damals eingeschĂ€tzt habe. Seit dem 7. Oktober 2023 sehe man eine Form von Antisemitismus, die sich aus verschiedenen Quellen speise - aus dem rechtsextremen Spektrum, aus linken Milieus und aus islamistischen Kreisen. Diese Gemengelage sei in ihrer Gesamtheit das eigentlich Besorgniserregende. Man könne heute durchaus argumentieren, dass die Zuwanderung auch indirekte Effekte gehabt habe, etwa insofern, als sie in Teilen der Gesellschaft, gerade am rechten Rand, zusĂ€tzliche Ressentiments befördert habe. Zugleich rĂ€umte er selbstkritisch ein, dass er die Entwicklung so nicht vorausgesehen habe.

Eine Rangfolge der Bedrohungen lehnte Schuster ab. FĂŒr die Betroffenen mache es keinen Unterschied, ob die Bedrohung von rechts, von links oder aus islamistischen Kreisen komme. Allerdings habe der rechtsextreme Antisemitismus innerhalb der deutschen Mehrheitsgesellschaft nach wie vor den grĂ¶ĂŸeren Resonanzraum. Er sei tiefer verankert, historisch gewachsen und deshalb in seiner Wirkung nicht zu unterschĂ€tzen. Die Gleichzeitigkeit und das Zusammenwirken dieser unterschiedlichen Strömungen mache die Lage heute so schwierig.

Zum VerhĂ€ltnis zu Moscheegemeinden sagte Schuster, viele stĂŒnden unter tĂŒrkischem Einfluss, insbesondere solche, die von Ditib betrieben wĂŒrden. Die politische Agitation aus der TĂŒrkei finde ihren Weg auch in die Gemeinden - bis in die Predigten hinein, und zwar in einer Tonlage, die antisemitische Narrative bediene. Auf die Frage nach ausreichendem Widerstand aus den muslimischen Gemeinden gegen Antisemitismus sagte er, er nehme vor allem ein sehr lautes Schweigen wahr. Nach außen gebe es mitunter ErklĂ€rungen, die fĂŒr ihn oft eher ein Feigenblatt seien. Innerhalb der Gemeinden selbst scheine das Thema kaum stattzufinden. Zugleich betonte er, es wĂ€re falsch, pauschal allen Muslimen antisemitische Einstellungen zu unterstellen.

Schuster forderte von den islamischen VerbĂ€nden, dass Antisemitismus in den Gemeinden offensiv thematisiert werde - in all seinen Facetten. Es mĂŒsse klar sein, dass es sich um eine Form der Menschenfeindlichkeit handele. Gerade von Menschen, die selbst Diskriminierung erfĂŒhren, erwarte er hier mehr SolidaritĂ€t.

Auf die Frage, ob die Zivilgesellschaft schwĂ€chele, sagte Schuster, die politische Propaganda aus pro-palĂ€stinensischen Kreisen sei breiter aufgestellt und oft wirkungsvoller als die israelische oder jĂŒdische Perspektive. Hinzu komme ein deutliches zahlenmĂ€ĂŸiges Ungleichgewicht: Auf rund 5,5 Millionen Muslime kĂ€men nur etwa 125.000 Juden. Das beeinflusse auch die mediale Durchschlagskraft.

Zur Metapher des gepackten Koffers sagte Schuster, sie stehe heute fĂŒr eine neue QualitĂ€t. WĂ€hrend sie frĂŒher eher symbolisch gewesen sei, gebe es inzwischen reale Überlegungen - insbesondere bei der jĂŒngeren Generation -, ob jĂŒdisches Leben in Deutschland dauerhaft eine Zukunft habe. Einen RĂŒckzug jĂŒdischen Lebens aus der Öffentlichkeit sieht er bereits. Viele Gemeinden verlagerten AktivitĂ€ten ins Innere und stĂŒnden dabei unter erheblichem Schutz. Die Perspektive, dass jĂŒdische Einrichtungen ohne Polizeischutz auskommen, sehe er auf absehbare Zeit nicht mehr.

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